Dienstag, 13. Januar 2015

{Flashback} 3. und 4. Monat: Die Hyperemesis hat mich voll im Griff

An diese Zeit denke ich gar nicht gerne zurück, denn es war ein nicht enden wollender Horror.
Alles fing recht harmlos an, als wir im Urlaub ankamen. Da war ich gerade in der 8. SSW, hatte bereits seit ziemlich zu Beginn eine latente, aber nicht weiter schlimme Übelkeit. (Gut, mein ständiges Aufstoßen hat Herrn M. *etwas* irritiert- er meinte, ich klinge wie ein Zombie oder wahlweise Alien).

Mit dem ersten Tag im Urlaub kam dann das Erbrechen, zunächst nur abends nach dem Essen, im Laufe der 10 Tage hat es sich ausgedehnt auf weitere variable, aber noch nicht konstante Zeiten tagsüber.
Trotzdem hatte ich Hunger und Appetit- und davon nicht zu wenig.
Das Abendessen kam aber täglich postwendend  retour, tagsüber war es eine Glückssache, mal blieb es drinnen, mal musste ich sofort zur Toilette fetzen. Auch unabhängig davon, was ich gegessen habe, fett und ungesund oder leicht verdaulich und ernährungstechnisch wertvoll-alles komplett egal.



Das ganze hat sich dann sukzessive verschlechtert. Die latente leichte Übelkeit wurde stärker und war nach wie vor dauerpräsent. Aus dem regelmäßigen abendlichen Erbrechen wurde ein regelmäßiges Erbrechen nach jedem Essen- und Trinken, sobald es mehr als nur 2 Schluck waren.  Und ich hatte einen tierischen Durst, ich trinke generell sehr, sehr viel, brauche in der Früh vorm Aufstehen schon mal eine halbe Flasche Wasser, da ich mich über Nacht immer total verdörrt fühle und im Laufe des Tages komme ich normalerweise auf mind. 4 Liter. Nicht, weil ich große Wassermengen für so gesund halte, sondern weil ich einfach so Durst habe (meine u.a. Zucker- und Nierenwerte habe ich längst überprüfen lassen- alles in Ordnung).
Der Durst hat in dieser Zeit nicht nachgelassen, im Gegenteil, aber ich konnte kaum etwas trinken bzw. immer nur in Mikromengen.
Komischerweise hatte ich zu dieser ganzen Zeit trotz allem immer noch richtig viel Appetit und habe auch gegessen, die Quittung kam aber jedes Mal sofort- ab über die Schüssel.

Bald war aber nicht mehr das Erbrechen das Schlimmste- die wildeste Übelkeit war danach jedes mal sofort viel besser- sondern mein Kreislauf. Ich war komplett zerstört, konnte nichts mehr machen, mir war schwindelig und ich konnte mich kaum noch auf den Beinen halten.

Meine Gyn hat mich damals krank geschrieben, zunächst für 10 Tage, im Anschluß noch einmal für 4 weitere Wochen. Ich hätte nicht mehr arbeiten können und der Teufelskreis nahm weiter seinen Lauf: keine Energiezufuhr --> schlapper Kreislauf --> kaum Bewegung möglich --> Kreislauf noch schlimmer.


Mir war das alles bewusst, aber ich konnte es nicht ändern. Meine Tage verbrachte ich zwischen Bett, Sofa und Toilette. Mich zu duschen und die Haare zu waschen war eine Tagesaufgabe, die Treppe zwischen dem Erd- und dem Obergeschoss kam mir vor wie eine ausgedehnte Bergwanderung, ich schnaufte wie eine alte Dampflok und war kurz vorm Kollabieren.

Habe ich wirklich jemals Sport gemacht? Ich war nicht mehr in der Lage, den normalen Alltag auch nur halbwegs zu bewältigen. Der arme Herr M. schmiß nach der Arbeit auch noch den Haushalt, ich habe es nur selten geschafft, wenigstens zu kochen oder ein bißchen das gröbste Chaos zu entfernen.

Medikamente halfen nicht, ich habe sogar Meclozin importiert (das ist das am besten geprüfte Mittel bei Schwangerschaftsübelkeit und Medikament der 1. Wahl, leider in Deutschland -aufgrund wirtschaftlicher Aspekte, sprich zu geringem Absatz- nicht mehr zugelassen), aber alles war nicht erfolgsversprechend. Einzige Wirkung war, dass ich sowohl auf das Meclozin als auch auf Vomex sehr müde wurde und schlafen konnte- dafür am nächsten Tag aber einen hangover hatte und mein Kreislauf noch mehr im Keller war. Alternative Sachen wie B-Vitamine (Nausema), Sea Bands, Homöopathie etc. hat gar nichts gebracht.

Zu den körperlichen Symptomen kam hinzu, dass ich langsam richtiggehend depressiv wurde und mich nicht einmal mehr auf die Zeit mit Baby freuen konnte. Ich kam mir komplett nutzlos vor und hatte Herrn M. gegenüber ein schlechtes Gewissen- dieser hatte sich kein einziges Mal beschwert und sich noch ständig rührend um mich gekümmert, mich getröstet- trotzdem ließ sich mein Gewissen nicht unterdrücken.

Mein Blutdruck -ohnehin immer niedrig- hatte Tiefstwerte von 80/50 und mein Gewicht betrug zu Beginn der 11. SSW beim Gyn 52 kg bei 175cm. (Ich muss dazu sagen, dass ich mein genaues Gewicht vor der Schwangerschaft nicht weiß, war aber schon immer sehr schlank mit ca. 54kg. Ich vermute, dass ich nach dieser Messung noch weiter an Gewicht abgenommen habe aufgrund des Dauererbrechens, hatte aber wochenlang keine Waage- Umzugsopfer!- und kann deshalb meinen Tiefstpunkt nicht genau angeben).

So ging ich dann zu Beginn der 12. SSW stationär ins Krankenhaus (hierzu wird noch ein separater Bericht folgen), leider war dieser Aufenthalt nicht sehr erfolgreich.
So ging die alltägliche Odysee nach 2 Tagen Klinik wieder Zuhause weiter, Tag für Tag, Woche für Woche das Gleiche. Ich hasste die Couch, ich wollte nicht mehr lesen, im Netz surfen oder fernsehen, ich wollte nur noch raus und dass das alles endlich aufhört!

Eine erste Besserung bzgl. des Erbrechens kam dann ca. in der 13. SSW: Das Frühstück blieb drinnen! Man konnte aber fast den Wecker danach stellen, dass es gegen spätestens 11 Uhr wieder los ging. Also habe ich in der Früh in mich hineingeschlichtet was ging, um ein paar Nährstoffe und Kalorien zuzuführen und meinen Kreislauf ein bißchen Nahrung zu geben. Dieser war aber resistent gegen alles, ich war weiterhin von Müdigkeit, Schwindel und einer immensen Schlappheit geplagt. Gut, wo sollte es auch her kommen? Vorwiegend liegen, für meine Verhältnisse viel zu wenig Flüssigkeit und zu wenige Kalorien fordern ihren Tribut. 

Ich lebte also weiter in der unendlichen Tretmühle aus Liegen, Kotzen, schlechter Laune, Antriebslosigkeit und dem Gefühl, das alles nicht mehr durchstehen zu können.
Im Nachhinein ist diese Zeit ein unendlicher Nebel, gefangen wie in "Und täglich grüßt das Murmeltier, aber irgendwann hat der Nebel begonnen, sich etwas zu lichten:
 
Etwa ab der 14./15. SSW verschob sich das Erbrechen tagsüber immer weiter nach hinten, bis ich mich "nur" noch Abends übergeben musste. Dies war dann ab ca. der 16./17. SSW der Fall. Mein Kreislauf wurde auch wieder stabiler, die Dauerübelkeit blieb zwar erhalten, aber wesentlich leichter und ich nahm allmählich wieder ein bißchen am Leben teil, begann wieder zu Arbeiten (anfangs mehr schlecht als recht, hierzu noch mehr) und auch meine Laune war nicht mehr ganz so rabenschwarz und dauergereizt (hmm, ich frage jetzt mal besser nicht Herrn M...).

Das allabendliche Übergeben blieb mir noch etwas erhalten- am 24.12.14 war der erste Abend seit dem 8.10.14, an dem ich nicht erbrechen musste. Seitdem geht es auch hiermit bergauf. Es kommt zwar immer noch manchmal vor, dass ich mich doch plötzlich wieder kopfabwärts über der Toilettenschüssel befinde, allerdings wirklich nur noch sporadisch und ohne weitere Beeinträchtigung des Alltags. Auch die konstante, mittlerweile aber wirklich nur noch sehr leichte Dauerübelkeit ist seit Anfang Januar (meist) komplett verschwunden.

Für mich war das eine furchtbar schlimme Zeit, sowohl körperlich als auch irgendwann psychisch und ich denke, jede Frau die damit zu kämpfen hat, weiß wovon ich rede. Und trotzdem bemerke ich gerade jetzt beim Schreiben, dass ich mich an vieles gar nicht mehr so genau erinnere (hmm, dabei gab es  wahrlich nicht viele Erlebnisse in dieser Zeit!) . Die einzelnen Tage, die mir alle so unendlich lang vorkamen, sind nun nur noch eine zähe graue Masse, zusammengeschrumpft auf einen kleinen Zeitpunkt der Schwangerschaft. 
Gut so, denn wenn diese Erinnerung ständig so präsent wäre, würde keine Frau die das erleben musste, jemals wieder freiwillig schwanger werden!


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