Donnerstag, 18. Juni 2015

Wochenbett 3- die Entlassung


Mittlerweile waren 12 Tage im Krankenhaus vergangen, Lilly befand sich schon seit einigen Tagen nicht mehr im Wärme- sondern in einem normalen Gitterbettchen, musste aber in dem 24°C warmen Raum über 2 Schichten Kleidung und Schlafsack noch 2 weitere Decken tragen. Die Sonde hatte sie sich zwischenzeitlich 2 Mal selbst gezogen und wurde jedes Mal wieder neu gelegt. Die Tage verliefen wie gewohnt im stakkatoartigen 4-Stunden-Rhythmus und ich war mittlerweile nicht nur körperlich, sondern auch psychisch völlig am Ende.
Der Schlafmangel forderte seinen Tribut und an manchen Tagen war ich kurz davor, einfach nur noch heulend im Bett zu bleiben. Es war kein Ende in Sicht, denn obwohl es Lilly ansonsten mittlerweile gut ging, blieb die Trinkmenge nach wie vor weit unter dem Soll. Manchmal schaffte sie die Mengen, doch bei der nächsten Fütterung kam dann wieder der Einbruch. Lilly war meiner Meinung nach schlicht und ergreifend überfüllt.

Umso überraschender war, als die Schwester mir plötzlich mitteilte, dass Lilly als Versuch "ad libitum" gesetzt wurde, sprich sie durfte sich nun selbst melden wenn sie Hunger hatte und die Sonde durfte nun nicht mehr benutzt werden. Wenn sie sich nun gut machte, wäre evtl. sogar eine Entlassung in 2-3 Tagen möglich- nachdem es vor 2 Tagen noch hieß, es könne Wochen dauern.
Die erste Mahlzeit dieses Tages verlief auch ausgesprochen gut, mit Müh und Not hat sie nämlich tatsächlich die zu erreichenden 70g getrunken, bevor sie wieder in einen narkoseähnlichen Tiefschlaf verfiel. Nachdem sie aber nach 5 Stunden immer noch nicht von selbst erwacht war, musste sie nun doch geweckt werden. Hier reduzierte sich auch ihre Trinkmenge deutlich. Im Verlauf das Tages kam sie schließlich auf etwa 330g statt der errechneten 420g.

Ich stellte mich also wieder auf einen längere Aufenthalt ein und war frustriert. Erschwerend kam hinzu, dass ich seit einem Tag zwei neue Bettnachbarinnen hatte, wovon eine extrem unhygienisch war und ich eines Tages ihre vollgeblutete Wochenflußbinde im Waschbecken (!!!) vorfand. Von der Dame natürlich keine Spur, also musste ich das eklige Ding entfernen, damit ich mir nach dem Toilettengang die Hände waschen konnte....

Am nächsten Tag kam dann die große Überraschung: eine Lernschwester meinte, wenn ich will, könne ich morgen heim gehen. Ich war total perplex, aber ihrer Aussage nach mache sich Lilly ja nun so gut (Aha. Bis gestern war jedes Gramm zu wenig eine mittlere Katastrophe! Und eine ähnliche Menge hatte sie auch in den letzten Tagen immer geschafft mit dem Unterschied, dass ich alles exakt nachsondieren musste.) Trotzdem wollte ich natürlich heim und informierte ungläubig sofort Herrn M., der mittlerweile wieder arbeitete, da wir uns ja auf etwas Längerfristiges eingestellt haben.

Mittags dann die nächste Überraschung: ich habe eine andere Schwester gefragt, ob das mit der morgigen Entlassung wirklich stimmt. Hier nun die Aussage: wenn wir soweit vorbereitet wären, dürften wir sogar heute schon nach Hause! Die Ärztin schreibe schon den Entlassungsbrief!!!!
Also erneut Herrn M. angerufen, er müsse uns heute sofort abholen, damit wir hier raus kommen. Da er ja in der Arbeit war, mussten wir uns aber noch bis abends um halb 8 gedulden. Zwischenzeitlich habe ich dann ein Gespräch der Schwestern belauscht, aus dem hervorging, dass sie heute 6 Leute entlassen haben, (4 davon ungeplant), da die Station komplett überfüllt ist und 8 Neuzugänge erwartet werden. U.a. fiel auch ein Kommentar wo die eine Schwester zur anderen meinte "...die wollte aber gar nicht gehen." - "Dann sag doch einfach zu der Mutter, dass sich die xy so gut gemacht hat und dass das alles schneller ging als erwartet und mach ihr das ein bißchen schmackhaft!".

Ja, da fragt man sich echt. Ich bin am zweifeln, ob dieser ganze Aufenthalt bzw. dessen Länge überhaupt nötig war. Wie gesagt, die Zielmenge hatte Lilly ja bis zum Schluß nie geschafft, aber plötzlich war das gar nicht mehr so schlimm. Mein persönliches Gefühl ist, dass das noch nie SO schlimm war und sie diese Mengen einfach nicht brauchte...aber wissen tue ich es natürlich nicht und bevor sie dann doch wieder Probleme mit dem Zucker kriegt, habe ich ihr ja stundenlang alles reinsondiert. Jedenfalls war ich so was von heilfroh, dass wir nach knapp 2 Wochen endlich, endlich aus dieser Hölle raus kamen.

Für mich persönlich war das eine ganz furchtbare Zeit. Einerseits die kleine Maus so verkabelt zu sehen, alleine im Bettchen, ohne dass ich sie hätte zu mir holen können, das war eine enorme psychische Belastung. Andererseits dieser total strikte Ablauf, mit kaum Schlaf dazwischen, ich habe einfach nur noch funktioniert und hatte keine Zeit, mich selbst irgendwie ein bißchen zu erholen und war dann auch körperlich irgendwann am Limit.

Trotzdem gab es auch schöne Momente, so habe ich z.B. einige sehr nette Mütter kennengelernt, beim Abpumpen im "Still"-Zimmer gab es immer wieder schöne Gespräche und eine andere Mama aus meinen GVK-Kurs hatte zufälligerweise 3 Tage nach mir entbunden und ihre kleine Tochter war dann auch auf der Frühchen-Station und wir haben viel Zeit zusammen verbracht.

Und so schlimm ich perönlich unsere ganze Sitution fand: mir ist sehr bewusst geworden, dass diese eigentlich bei weitem nicht wild ist. Wir haben eine gesunde Tochter, die einfach nur noch etwas Zeit brauchte. Ich habe viele Mamas kennengelernt, deren Frühchen seit vielen Wochen dort liegen, Geburtsgewichte von unter 1 kg hatten und wo nicht klar war, ob sie durchkommen. So viele Mamas, die seit Wochen oder Monaten täglich zu ihren Kindern ins Krankenhaus fahren.

Und ein weiteres Schicksal hat mich auch sehr betroffen gemacht: eine andere Frau- ebenfalls aus meinem GVK-Kurs, die aber nur 2 Mal teilgenommen hat, da dann die Entbindung dazwischen kam- hatte ihre Tochter auch auf dieser Station liegen. Sie hat mir erzählt, dass erst bei der Entbindung festgestellt wurde, dass die Kleine Trisomie 21 hat. Und zudem war die Speiseröhre nicht mit dem Magen verbunden und sie musste erstmal 8 Stunden operiert werden. Außerdem scheint es noch weitere Organdefekte zu geben und in der gesamten Schwangerschaft wurde trotz Feinultraschall nichts bemerkt. Es grenzt an ein Wunder, dass diese Kleine nun allmählich das Schlucken lernt, denn auch hier war nicht klar, ob das je funktionieren würde. Wenn ich so etwas höre, muss ich wirklich weinen und meine Gedanken und mein Mitgefühl sind bei diesen ganzen starken Frauen, die mit solchen Schicksalsschlägen versuchen irgendwie klar zu kommen- gegen so etwas sind unsere 2 Wochen tatsächlich lächerlich und trotzdem empfand ich sie schon als die Hölle.

Kommentare:

  1. Ein Kind auf der Neonatologie ist IMMER die Hölle. Es ist ziemlich Wurscht, ob das Kind nun dort liegt, weil es einen schlimmen Herzfehler hat, oder weil die Atmung noch nicht ganz ausgereift ist. Und ja, dort sind sie immer extrem übervorsichtig, auch wenn's nicht immer nötig ist. Auch, weil das Personal nie wirklich weiß, wie überfordert die Eltern in der Situation wirklich sind und ob sie das Kind wirklich so versorgen, wie man ihnen empfiehlt. Ich denke, es ist nicht bös gemeint, wenn auch etwas übergriffig. Es wird leider meist schlecht kommuniziert.

    Ich erinnere mich sehr genau, wie es bei uns war, als sich alle Eltern jede Nacht um 3 Uhr am Wasserspender trafen. Es wurde nur wenig gesprochen, dafür hat man sich gegenseitig zugenickt. Aber jeder war froh, nicht allein zu sein. Ebenso hat man sich in aller Stille getroffen, als ein Baby starb. Diese Zeit prägt sehr und man vergisst das auch nie wieder. Aber man freut sich hinterher umso mehr über jedes lachende Kind, das einem über den Weg läuft.

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    1. Liebe Rosalie,
      vielen Dank für deinen Kommentar.
      Ja, ich glaube auch für das Personal ist das alles nicht so einfach, die Eltern sind oftmals mit der ganzen Situation emotional überfordert und natürlich müssen sie sich an vorgegebene Richtlinien halten. Die übereilte und ungeplante Entlassungsaktion fand ich allerdings trotzdem sehr kurios, auch wenn ich froh darüber war.
      LG

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  2. Es tut mir jedes Mal Leid, wenn ich lese, was für eine furchtbare Zeit ihr hattet :( Aber du hast Recht, man kann trotzdem dankbar sein, dass es nicht noch schlimmer gekommen ist... Ich finde es allerdings schrecklich, was oft hinter dem Rücken von Patienten in Krankenhäusern vorgeht, wie z.B. das Gespräch, das du mitgehört hattest! Unser Sohn musste ja leider auch auf die Intensivstation und nach einem Riesenschock am Anfang und einigen schrecklichen Tagen, die folgten, wurde in mir der Gedanke immer lauter, dass das vielleicht alles eigentlich gar nicht unbedingt notwendig sein könnte und die bloß ihre Betten dort füllen wollten. Als dann eine Hebamme im Vertrauen meinen Verdacht noch bestärkte, wurde ich echt sauer und war sehr enttäuscht.. Sie riet mir ,,auf die Barrikaden zu gehen" damit wir baldmöglichst entlassen werden, sonst würden die das locker noch um ne Woche länger ziehen... Nicht schön, wenn so mit frischgebackenen Eltern gespielt wird.. Sollte es ein Kind 2 geben, werde ich um dieses Krankenhaus garantiert einen großen Bogen machen :/

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    1. Liebe Katharina,
      es tut mir leid, dass auch ihr so etwas erleben musstet. Man selbst weiß es ja oftmals nicht besser, hat nur irgendwann ein vages Gefühl, das einem dann aber plötzlich bestätigt wird (auch bei mir hat meine Nachsorgehebamme im Nachhin gesagt, dass sie so etwas in dieser Klinik schon öfters mitbekommen habe und wir keine Einzelfall wären). Es ist dann halt die Frage, ob es wirklich noch nötige Vorsichtsmaßnahmen sind oder eben tatsächlich nur noch zum Bettenfüllen. Nur man selbst wird sich sein Leben lang Vorwürfe machen, wenn man früher heimgeht und dann eben doch etwas wäre- also heißt es Aushalten. Aber trotzdem schlimm, wenn es wohl immer wieder zu solchen Situationen kommt...
      LG

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