Donnerstag, 28. Januar 2016

Auf Therapeutensuche


Ich hatte bereits vor längerem versprochen, einen Post zu meiner Therapeutensuche zu schreiben. Nachdem ich erstmal den Entschluß gefasst hatte, eine Therapie zu beginnen, habe ich mich auch mit Feuereifer auf die Suche nach einem Platz begeben. Und diese gestaltete sich nicht ganz so einfach. Im Klartext: wer wirklich akute Probleme hat, der springt von der Brücke. Oder lässt sich wahlweise einweisen, wenn er denn noch die Energie dazu hat.

Ich wohne hier in einer Stadt mit fast 145.000 Einwohnern. Ich habe das Telefonbuch und die KVB nach Psychotherapeuten abgesucht und habe geschätzte 60 Leute (ich wollte ausschließlich zu einer Frau!) gefunden. Nachdem ich zunächst dachte "ach, die Innenstadt lasse ich wegen der blöden Parkplatzsuche außen vor" ist mir nach dem Abtelefonieren der 20 Therapeuten mit bequemerer Parksituation relativ schnell klar geworden, dass ich das knicken kann. Ich habe telefoniert. 3 Tage lang, nicht nur hier in der Stadt, sondern auch in angrenzenden Orten. Das Ergebnis: nix. Alle komplett ausgebucht, Wartezeit 6 Monate (bei immerhin 2 Stück!) bis zu 2 Jahren oder kompletter Aufnahmestopp. 2 Therapeutinnen hätten vorausichtlich einen Platz in 4-5 Monaten gehabt, eine ab Frühsommer.

Ach ja, und eine hat vom AB gesprochen: "Hirrr ist derrr Anschluß von XXX. Siii könne mich gerate nicht errrreiche, könne mir gerrrne Nachricht hinterrrlasse. Aberrr errwarrrte Siii nicht, dass ich zurrruck rufffe." Also nichts gegen Ausländer, nicht dass das falsch ankommt. Nur ist es bei einer Therapie unumgänglich, dass mich mein Gesprächspartner versteht- und wenn er mich nicht einmal zurück rufen will, wird das schwierig.

Ich habe dann noch eine Psychiaterin aufgetan, die ebenfalls eine Zulassung zur psychologischen Therapie hat und die mir spontan ein Gespräch anbieten konnte. Nach dem Besuch weiß ich auch, warum sie noch einen Platz frei hatte. 

Hier also mein schillerndes Erlebnis: 
Schon beim Betreten des Hauses wurde ich von einer penetranten Duftwolke fast erschlagen. Räucherstäbchen, wohin das Auge blickt. Ich sitze im Wartebereich und bemühe mich, möglichst wenig zu atmen. Um mich herum stehen Elefanten. Und Buddhas. Und Zen-Brunnen. Windspiele erklingen und ich höre ein monotones Gemurmel- wie sich dann herausstellt, der Patient, der vor mir dran war. Ich erblicke ihn beim Rausgehen: Offene Birkenstocklatschen (es war Dezember!) und ein Bart bis fast zum Bauchnabel. Aber ich habe ja keine Vorurteile (oder doch?).

Als ich dann in das Behandlungszimmer gebeten werde, darf ich kurz mein Anliegen vortragen. Die Psychiaterin sieht ähnlich aus wie ihr Patient: ein Alt-Hippie, gehüllt in fließende Stoffe. Sie meint, ich sei verspannt und hält eine Kombi aus Schröpfmaschine ("Ich sage auch Melkmaschine dazu, haha!"), Klangschalenmeditation und Fußreflexzonenmassage für das Richtige. Ja, ich kann nicht abstreiten, dass ich sicherlich auch "verspannt" bin, trotzdem schwebt mir definitiv eine Psychotherapie vor.
Ich spreche sie vorsichtig drauf an, ob sie diese nicht für angemessen hält. Ihre Antwort. "Wenn SIE es gut macht, kann es helfen. Wenn SIE es schlecht macht, schadet es." Ich bin verwirrt. Wer ist SIE? Ist SIE ich? Ist SIE sie?

Ich frage nochmal nach. Direkt. "Ich möchte eine PSYCHOtherapie, ist das nicht indiziert?". Die Ärztin (ja, die gute Frau ist ÄRZTIN!) sagt: "Ich habe einen Patienten, der gibt seinem inneren Kind immer Kakao zu trinken. Das ist wichtig, denn Sie haben nun ja auch ein Kind und nun sind 2 Kinder da. Kakao kann da hilfreich sein." 

Ich breche innerlich zusammen und beherrsche mich, nicht zu lachen. Also nichts gegen Freud, auch das "innere Kind" ist mir ein Begriff, aber ich bezweifle, dass Kakao die Lösung aller Probleme ist.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt bin ich ausgestiegen. Die gute Dame redet. Meint, ich solle mir vorstellen, dass ich ein Baum bin, das würde meine Probleme lösen. Halbherzig werfe ich ein, dass ich nicht weiß, wie mir eine Baumsuggestion helfen solle?! Sie ist in ihrem Element, erzählt mir, dass ich eine Eiche oder auch ein Bambus sein kann. Ich wünsche mir, dass ich ein Blatt wäre, und weggeweht werde.
Verstohlen schiele ich auf die Uhr und gebe zum Monolog der Psychiaterin nur noch hin und wieder ein "hmm" von mir.
Plötzlich schreckt mich ein lautes "Drehen Sie sich mal um!" aus meiner Apathie. Ich tue, wie geheißen und sehe ein Holzschiff hinter mir. "Das habe ich selbst gebaut! Es ist ein Klangschiff!". Aha. Soll ich lachen oder weinen? Ich merke erneut an, dass ich NUR eine GESPRÄCHSTHERAPIE (für welche sie angeblich die Kassenzulassung besitzt!) möchte und sonst nichts. Und dass ich mit dem Esoterischen recht wenig anfangen kann. Ihre Antwort: Viele ihrer Patienten seien irgendwie esoterisch veranlagt und sie wisse selbst nicht, wieso die eigentlich alle zu ihr kommen. Hmm, na da habe ich auch keine Idee, warum das so ist..

Als die Stunde endlich, endlich vorbei ist, will ich fluchtartig den Raum verlassen. Sie möchte einen weiteren Termin mit mir vereinbaren. Wie deutlich soll ich noch werden? "Nein, vielen Dank. Ich möchte ausschließlich eine Gesprächstherapie und glaube nicht, dass wir auf einer Wellenlänge sind!!!". Hallelujah, kann man diese Frau denn gar nicht abwimmeln?
Ich gehe (renne???), schwinge mich ins Auto und fahre heim. Mitten auf dem Weg muss ich lauthals lachen, weil das ganze so abstrus war. Ich habe so gute Laune wie schon lange nicht mehr und berichte Herrn M. unter Lachtränen von meinem Erlebnis. (Das Ergebnis davon war übrigens, dass ich zu Weihnachten eine Klangschale bekommen habe! Ich finde sie allerdings tatsächlich recht cool :-P ).

Glücklicherweise habe ich wenige Tage später einen Anruf von einer Psychotherapeutin bekommen, die eigentlich ab April/Mai einen Platz gehabt hätte. Ein Patient von ihr musste nun auf Reha und ich könne seinen Platz bekommen. Ich habe dann für 2 Tage später einen Probetermin erhalten und es hat auf Anhieb gepasst. Dies ist ja der wichtigste Punkt: es nützt rein gar nichts, einen Platz zu haben, wenn man sich mit dem Therapeuten nicht versteht. Umso glücklicher bin ich, dass ich mit dieser Frau wirklich reden kann und wir komplett auf einer Wellenlänge schwimmen.

Seit Januar habe ich nun einen Therapieplatz bei ihr und so wie es aussieht leide ich auch nicht an einer postpartalen Depression, sondern es kam viel mehr durch die ganze Problematik der Anfangszeit bedingt (in Kombi mit den "normalen" mütterlichen Problemen wie Schlafmangel und nervenzerrendes Geweine) zu einer akuten Überlastungsreaktion.
Jedenfalls finde ich diese Gespräche nach nun erst 3 Mal schon sehr hilfreich und bin heilfroh, dass ich so ein Riesenglück hatte.

Und dass die Klangschifffrau ihren Kakao mit ihrem inneren Kind ohne mich trinkt.

Kommentare:

  1. Ach du meine Güte, ich hab fast Tränen gelacht bei der irren Kakao Story :D Sonst denkt man, so etwas gäbe es doch nur im Film :D Aber zum Glück konntest du das auch mit Humor sehen und hast danach doch noch jemand kompetentes finden können =) Das freut mich sehr für dich, hoffe es wird dir gut tun =)

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  2. Ich finde deinen Blog sehr schön und ansprechend, du hast eine Leserin mehr :)
    http://mintcandy-apple.blogspot.de

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  3. Super, dass du einen gutenPlatz gefunden hast. Musste zwiscendurch richtig lachen ;)))
    Alles Liebe
    Lenchen von
    Familien Hotspot

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