Sonntag, 4. September 2016

Frühkindliche Eßstörungen Teil 2

Mittlerweile ist seit der Diagnose "frühkindliche Eßstörung" über ein viertel Jahr vergangen. Eine Zeit, in der wir im SPZ waren, in der wir gute Phasen hatten und auch solche, wo Lilly tage-, teil wochenlang so gut wie gar nichts aß. Hier nun ein update zur Entwicklung und unserem Umgang mit Lillys Eßverhalten.

Vorneweg das Positive: Lilly entwickelt sich trotz der Eßproblematik absolut normal, ist quietschlebendig und den ganzen Tag in Action (wo hat sie die Energie her?). Auch ihr Gewicht ist im unterem Normalbereich, sie pendelt um die 10%- Perzentile rum und schaut keinesfalls untergewichtig aus, hat teilweise sogar etwas Babyspeck angesammelt. Das ist sehr beruhigend.

Therapie im SPZ
Im Endeffekt bliebt unterm Strich stehen, dass man nicht viel machen kann. Wir sollen Lilly nicht zum Essen zwingen und versuchen, dass sie den Spaß daran behält/bekommt. Ruhig unter Ablenkung füttern oder eben in (ungewöhnlichen) Situationen, wo es halbwegs funktioniert, z.B. als Picknick oder unterm Spielen. Also das, was wir bislang (notgedrungen) auch versucht haben. Es gibt keine Nahrungsverbote, wir sollen alles probieren, also auch ungesunde Sachen- Hauptsache sie isst irgendwas.
Das Essen zu festen Uhrzeiten zu geben hat nicht funktioniert und so sind wir davon auch wieder abgekommen. Jetzt orientieren wir uns wieder daran, wann das Frühstück statt gefunden hat, ca. 3 Stunden später gibt es Mittagessen (weil Lilly momentan sehr spät aufsteht), wieder etwa 3 Stunden später einen Snack etc.
Effektiv hatten wir anfangs persönliche Termine, dann nur noch telefonisch und schon seit längerer Zeit wursteln wir uns so durch. Wir können zwar jederzeit wieder vorbei schauen, doch die Quintessenz ist: man kann nicht allzu viel machen, egal ob wir nun dauernd vor Ort sind oder eben nicht.

Gute und schlechte Zeiten  
Wie schon immer bei Lilly gibt es Phasen, in denen sie verhältnismäßig gut isst. Diese dauern etwa 2-3 Wochen und anschließend tritt wieder eine Diätperiode ein, wo sie kaum etwas zu sich nimmt. Aber auch die "fetten Zeiten" haben nichts mit einem normalen Eßverhalten zu tun. Lilly langweilt sich nach 1-2 Minuten sitzen so extrem, dass nicht mehr an Essen zu denken ist. Manchmal geht es hier zwar mit Ablenkung, sie untersucht irgendwelche Gegenstände etc., aber auch das ist nicht von Dauer. 

Selber essen steht zwar hoch im Kurs, doch nach 2-3 Bissen ist auch das zu langweilig und Madame möchte sich bewegen. So hat es sich ergeben, dass ich das Essen zubereite und sie parallel dazu in ihrem "learning tower" zusieht und probiert, oder um mich rumturnt und ein paar Häppchen zu sich nimmt. 
Manchmal wird auf dem Boden gepicknickt, oftmals wird ihr Bagger mit einer Nudel beladen und fährt zu ihr- sie schiebt ihn dann leer zurück. 

Unser Mittagessen findet seit Monaten im Supermarkt statt. Ja, ich bin die, die ihr Kind im Einkaufswagen eine Stunde durch die Gänge schiebt und es dabei füttert. Sämtliches Personal grüßt mich mittlerweile und ich weiß nicht, ob das immer freundlich gemeint ist. Allzu oft spuckt Lilly nämlich wieder etwas aus und ich laufe mit Zewas rum um alles aufzusammeln. Ich wünsche mir mehr Supermärkte hier. Oder eine Tarnkappe.
Aber Spaß beiseite: das Essen beim Einkaufen funktioniert noch am besten. Mittlerweile nehme ich Nudeln oder Kartoffeln und Gemüse mit und dann schieben wir los. Der Nachteil: ich kaufe täglich viele Sachen, die ich eigentlich nicht brauche.

Generell ist Lillys Geschmack sehr extrem und unterschiedlich. Sie liebt z.B. Zitronen. Pur. Oder selber geerntete Beeren. Kaufe ich die gleichen im Supermarkt, werden sie verweigert. Sie werden auch schon verschmäht, wenn *ich* die Beeren ernte- letztens hat sie meine Hand gepackt und wieder zum Strauch geführt. Nur selber gerupft ist gut. Auch Dinge, die an einem Tag gehen, sind dann plötzlich wieder wochenlang verpönt. Es ist extrem schwierig und eine immense Rumprobiererei, wonach es der Dame heute gelüstet. Typische Kindersachen, wie z.B. Fruchtzwerge oder Pudding  etc. mag sie übrigens auch nicht- wie gesagt, wir probieren mittlerweile alles aus, egal ob gesund oder nicht.  

Die schönen Theorien à la "wenn sie das nicht isst, gibt es nichts anderes, dann isst sie eben bei der nächsten Mahlzeit mehr/ sie muss lernen das zu essen was auf den Teller kommt" etc. funktionieren alle nicht. Lilly isst eben nicht bei der nächsten Mahlzeit mehr, sondern konsequent gar nichts. Natürlich gibt es hier dann nicht endlos viele Alternativen wenn sie wieder etwas nicht möchte, aber i.d.R. werden 3-4 verschiedene Komponenten angeboten, und wenn sie gar nichts da davon isst, gibt es als Alternative ein Obstquetschi, damit sie wenigstens so einige kcal zu sich nimmt. Auch das wird nicht immer akzeptiert bzw. nur 2-3 Schlucke. Aber klar, ich mache mir schon auch Gedanken, ob dadurch nicht das Wählerische noch mehr gefördert wird...

Zukunftsaussichten
Wie gesagt, Lillys Eßverhalten ist weit von "normal" entfernt. Und auch bei allen Versuchen, keinen Zwang auszuüben und ihr Freude am Essen zu vermitteln- ist der Weg über das Essen in kompletter Ablenkung tatsächlich richtig? Auch hier lernt sie ja nicht wirklich, ein Hungergefühl zu entwickeln. Klar, ich bin froh dass es wenigstens unter diesen Umständen meist irgendwie geht. Aber wie soll sich das auf Dauer entwickeln? Ich habe ganz ehrlich wenig Lust, auch noch in einem Jahr jeden Tag durch Supermärkte zu gondeln oder ein halbes Kasperltheater aufzuführen, nur damit sie drei Happen isst.

Andererseits bin ich natürlich froh, wenn sie überhaupt ein bißchen zu sich nimmt. Denn auch hier ist es nach wie vor so: an Tagen, wo sie wieder kaum etwas isst, holt sie sich den Bedarf in der Nacht. Mittlerweile ist es meist so, dass sie i.d.R "nur" noch zwei Mal nachts trinkt, einmal zwischen ca. 2 und 4 Uhr und einmal zwischen 5 und 7 Uhr (sie schläft erst etwa zwischen 22 und 22:30h ein und trinkt davor noch, schläft aber momentan zum Glück auch in der früh oftmals bis gegen 9 Uhr!). Wenn aber wieder ein richtig mieser Tag war, dann heißt es nachts auch öfters ran. Und das nervt mich mittlerweile wirklich.
Auch generell das ganze Eßverhalten. Meist bin ich relaxed und akzeptiere es einfach. Aber es gibt immer wieder Tage, wo es mich richtig aufregt oder ich den Tränen nahe bin. 

Da sitzt ein kleines Kind, dessen Magen knurrt und das deshalb richtig miese Laune hat und nur quengelt und es wird kein einziger Bissen gegessen. Egal von was. Das sind solche Tage, wo ich alle Eltern beneide, deren Kinder einfach so essen. Aber immerhin ist sie nicht zu dünn und gedeiht normal, dies muss ich mir immer wieder vor Augen halten, wenn ich selbst total frustiert bin. Trotzdem ist es aber genau dies: frustrierend.

Kommentare:

  1. Hallo, ich bin eine stille Leserin seit deiner Schwangerschaft, da ich damals auch schwanger war. Ich bin eben auf Facebook auf diesen Beitrag gestoßen und musste an deinen Blog denken. Muss gestehen, dass ich den Beitrag nicht angeschaut habe, aber allein der Titel war interessant und ist vielleicht für euch hilfreich?
    https://www.facebook.com/muettermagazin/posts/125644151105441
    Viele Grüße und weiterhin alles Gute

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  2. Hallo, ich bin auf deinen schönen Blog durch Zufall gestoßen.
    Zu deinen Zweifeln, was das Füttern unter Ablenkung angeht, möchte ich dir Mut machen. Ich war selbst eine katrastrophale Esserin. Meine Mutter hat, so wie du, alles versucht. ALLES.
    Noch schlimmer war es bei mir, weil ich ein Frühchen war, ohnehin viel zu schwach und dünn und dauernd krank. Von deiner kleinen Lilly schreibst du ja, dass sie sich völlig normal entwickelt und auch kaum unterernährt ist.
    Meine Mutter hat damals auch nur ein paar Happen in mich "reingekriegt", wenn ich es kaum bemerkt habe. Beim Spielen, beim Baden, viel Süßes wie Pudding, Kekse etc. Klar war ihr bewusst, dass das nicht gesund ist, aber was sollte sie machen, sie wollte ja, dass ich wenigstens ein bisschen zunehme und herzhafte Sachen habe ich erst recht verweigert.
    Die Moral von der Geschichte für dich zum Aufmuntern :)
    irgendwann plötzlich von einem Tag auf den anderen, habe ich anfangen, zumindest relativ normal zu essen. Wählerisch war ich noch lange und auch bis zur 2. Klasse ein totales Fliegengewicht. Aber ich saß mit meinen Eltern am Tisch, hatte meinen Teller mit verschiedenen kleingeschnittenen Angeboten vor mir und durfte mich bedienen. Hat geklappt. So als ich 2- 2,5 war.
    Und heute bin ich 29, esse alles außer Leber (bäh!) und bin froh, dass meine Mutter so viel Geduld mit mir hatte und mich nie zur Nahrungsaufnahme gezwungen hat. Da gibt es ja die gruseligsten Geschichten :( Bei uns kommt im März der erste Nachwuchs und ich bin mal gespannt - hoffentlich kommt er, was das frühkindliche Essverhalten angeht - eher nach seinem Papa :D

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